PETER HAMADEJ | LEBENSBERICHT
Jehova hat uns geholfen, gute Entscheidungen zu treffen
Ich wurde 1952 in Karlsbad (Karlovy Vary) geboren, einer Stadt im äußersten Westen der ehemaligen Tschechoslowakei nahe der deutschen Grenze. Weil wir deutscher Abstammung waren, hatten es mein älterer Bruder Milan und ich in der Schule nicht leicht. Deshalb zogen meine Eltern 1966 mit uns nach Frankfurt am Main.
Meine Eltern waren Zeugen Jehovas. Doch als ich noch klein war, wurden sie aus der Versammlung entfernt. Dadurch hatte ich in meiner Kindheit nicht den Wunsch, Gott zu dienen.
Später kehrten meine Eltern zu Jehova zurück. Mein Bruder Milan war Feuer und Flamme für die Wahrheit und beschloss, sich auf einem Kongress in Hannover taufen zu lassen. Spontan ließ ich mich am selben Tag taufen. Damals war ich 15. Kurz nach meiner Taufe hatte ich jedoch den Wunsch, Kunst zu studieren, und überredete meine Eltern, mich nach Berlin gehen zu lassen.
Während des Studiums hatte ich Zeit, mich mit zwei Fragen auseinanderzusetzen, die mich beschäftigten: Gibt es einen Schöpfer? Und: Ist die Bibel wirklich das Wort Gottes? Im Unterricht wurde mir klar, dass ein harmonisch komponiertes Gemälde nichts ist im Vergleich zur Schönheit der Originale, die man in der Natur findet. Ich schlussfolgerte: Wenn schon so ein Bild nicht durch Zufall entsteht, dann erst recht nicht das Original!
Die Antwort auf meine zweite Frage erhielt ich, als ich mich mit der Geschichte des Altertums befasste und feststellte, wie genau sich biblische Prophezeiungen erfüllt haben. Nach und nach überzeugte ich mich davon, dass die Bibel wirklich das Wort Gottes ist (1. Thessalonicher 2:13).
Ein Gemälde von mir (1980)
Außerdem nahm mich ein Ältester unter seine Fittiche – wir hatten viele lange Gespräche. Mein Glaube an Jehova wurde immer stärker und Kunst war für mich nicht mehr das Wichtigste. 1972 traf ich eine der besten Entscheidungen meines Lebens: Ich wurde in Berlin Pionier. Ursprünglich wollte ich drei Monate im Pionierdienst sein.
Predigen in anderen Gebieten
Der Pionierdienst in Berlin war eine ziemliche Herausforderung. Die gute Botschaft war seit über 100 Jahren in der Stadt bekannt gemacht worden, aber die Resonanz war gering. Als ich meinen ersten Bibelschüler fand, kam mir das wie ein Wunder vor! Das überzeugte mich davon, dass ich mit Jehovas Hilfe überall predigen konnte. Also blieb ich Pionier.
Etwa ein Jahr später wurde ich gefragt, ob ich Serbokroatischa lernen würde, um jugoslawischen Gastarbeitern zu predigen. Ich war gern dazu bereit und wurde nach Frankfurt am Main geschickt. Dort lernte ich zusammen mit Hans und Sonja Smode, die gerade von der Gileadschule gekommen waren, Serbokroatisch. Nach drei Monaten bat man mich, als Sonderpionier nach Stuttgart zu gehen. In den nächsten zwei Jahren (1973 bis 1975) zog ich mehrmals um und hatte fünf verschiedene Sonderpionierpartner.
Dann wurde ich nach Karlsruhe geschickt, wo es eine serbokroatische Gruppe gab. Dort lernte ich meine Partnerin fürs Leben kennen – eine fleißige Sonderpionierin namens Lenka. Ehe ich michs versah, hatte ich mich in sie verliebt, und wir heirateten. Bald darauf, 1978, wurden wir gebeten, im jugoslawischen Gebiet den Kreisdienst aufzunehmen.
Mit Lenka
Eine schwierige Entscheidung
Rund zehn Jahre lang besuchten wir überall in Europa Versammlungen und Gruppen. Dieses Leben war zwar schön, aber es verlangte uns auch viel ab. Als Lenka einen Burn-out bekam, strengte sie sich nur noch mehr an. Das war nicht die beste Herangehensweise, aber wir wussten uns keinen anderen Rat. Innig beteten wir zu Jehova um Anleitung.
Im Kreisdienst
Die Antwort auf unsere Gebete kam, als wir uns an einen Arzt wandten. Er erklärte uns, dass man seine körperlichen und emotionalen Grenzen anerkennen muss (Micha 6:8). Uns einzugestehen, dass wir nicht im Reisedienst bleiben konnten, fiel uns nicht leicht. Wir sprachen mit einigen erfahrenen Aufsehern im Bethel über unsere Situation. Zu unserer Überraschung schlugen sie uns vor, unseren Vollzeitdienst im Zweigbüro in Österreich fortzusetzen und dort ins Serbokroatische zu übersetzen. Mit der Zeit erholte sich Lenka wieder. Jehova half uns durch gute Ratgeber, keine übereilte Entscheidung zu treffen (Sprüche 15:22).
Schwierige Entscheidungen in Kriegszeiten
Nach zwei Jahren in Wien wurden Lenka und ich nach Zagreb (Kroatien) ins dortige Zweigbüro geschickt, das für das Predigtwerk im damaligen Jugoslawien zuständig war. Obwohl es in Jugoslawien verschiedene Kulturen und Religionen gab, lebten die meisten Menschen friedlich zusammen – bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1991. In den Monaten vor Kriegsbeginn organisierte das Landeskomitee einen internationalen Kongress, zu dem Brüder und Schwestern aus ganz Jugoslawien eingeladen waren.
Lenka als Übersetzerin im Zweigbüro in Wien
Wir beteten, besprachen die Lage und entschieden, mit den Kongressvorbereitungen weiterzumachen. Außerdem stimmten wir uns eng mit den Behörden ab, um die Sicherheit unserer Gäste aus aller Welt zu gewährleisten. Zur Freude aller kamen fünf Mitglieder der Leitenden Körperschaft! Das Kongressprogramm war genau das, was die Brüder und Schwestern brauchten.
Nach ungefähr einem Jahr Krieg erfuhr das Landeskomitee, dass unseren Brüdern in Sarajevo und anderen Teilen Bosniens Nahrungsmittel, Feuerholz und Medikamente ausgingen. Sie waren von jeder Hilfe abgeschnitten, weil serbische Truppen die Städte belagerten. Wie konnten wir ihnen helfen? Wir flehten zu Jehova um Anleitung.
Trotz aller Gefahren planten wir unter Aufsicht des österreichischen Zweigs eine Hilfsaktion. Am 26. Oktober 1993 brachen Lkws mit insgesamt 16 Tonnen Hilfsgütern von Wien Richtung Bosnien auf.b
Während der Hilfsaktion für unsere Brüder und Schwestern in Sarajevo
Beim Überqueren der Front erlebten wir hautnah, dass die Hand Jehovas „nicht zu kurz [ist], um zu retten“ (Jesaja 59:1). Die gefährliche Fahrt von Zenica nach Sarajevo werde ich nie vergessen. Wir waren nur noch 40 Kilometer von Sarajevo entfernt, als wir einen 140 Kilometer langen Umweg durch die Wälder machen mussten.
Als wir endlich kurz vor der belagerten Stadt waren, bat ich um ein Gespräch mit dem befehlshabenden Offizier. Es stellte sich heraus, dass er ein General war. Er meinte, wir würden nicht durchkommen. Doch als er hörte, dass wir Zeugen Jehovas sind, fragte er mich, ob ich einen Bruder namens Hajrudin kenne. Ich sagte, dass er ein Freund von uns ist. Darauf meinte der General: „Er ist auch mein Freund. Ich bin mit ihm zur Schule gegangen. Seit er ein Zeuge Jehovas ist, schätze ich ihn sogar noch mehr.“
Der General stellte uns noch einige Fragen über unseren Glauben und erlaubte uns dann, einen geheimen Tunnel zu nutzen, um unseren Brüdern in Sarajevo die Hilfsgüter zu bringen. Er ließ sogar zwei Nächte lang die Lieferungen für die Armee aussetzen, damit seine Soldaten die Hilfsgüter transportieren konnten. Sie schleppten in den beiden Nächten unsere Pakete durch den engen Tunnel – jedes von ihnen wog um die 27 Kilo. Ohne sie hätten wir das nie geschafft!
Einige Jahre nach dem Krieg in Bosnien war ich mit Halim Curi, einem Ältesten aus Sarajevo, in dem geheimen Tunnel
Am anderen Ende des Tunnels halfen die Soldaten mit, die Pakete in Sicherheit zu bringen und die Lebensmittel unter den Brüdern und deren Nachbarn zu verteilen. Manche Nachbarn waren so berührt, dass sie zusammen mit unseren Brüdern niederknieten und Jehova dankten (2. Korinther 9:13).
Wenn wir Militärkontrollen passieren mussten, war unsere politische Neutralität immer wieder ein Schutz für uns. Einmal trugen wir unsere Kongressplaketten, damit man uns als Zeugen Jehovas erkennen konnte. Aber neutral zu sein, bedeutete viel mehr, als nur ein Abzeichen zu tragen. Es kostete Kraft, auch in unseren Gedanken und Gefühlen neutral zu bleiben. Da uns klar war, dass die aufwühlenden Berichte, egal von welcher Seite, Vorurteile und Hass in uns schüren konnten, entschieden wir uns, seltener Nachrichten zu hören.
Seit den 1990er-Jahren durfte ich zunächst im kroatischen und später im tschechisch-slowakischen Zweigkomitee dienen. Durch die verschiedenen Aufgaben, die ich im Dienst für Jehova hatte, habe ich so einiges über Entscheidungen gelernt. Zum einen, dass Jehova jeden – sogar einen Militärkommandanten – gebrauchen kann, um ein Problem zu lösen. Zum anderen habe ich gelernt, meine Erfahrung nicht überzubewerten, sondern mich auf Jehovas Anleitung durch seine Organisation zu verlassen.
Unerwartete Gesundheitsprobleme
Bei einer Routineuntersuchung im Jahr 2023 wurde bei mir eine aggressive Form von Krebs festgestellt. Weil ich noch nie ernsthaft krank gewesen war, machte diese neue Situation Lenka und mir Angst. Wir baten Jehova immer wieder, uns zu helfen, gute Entscheidungen zu treffen, und handelten auch entsprechend unseren Gebeten. Wir informierten uns und ließen uns von verschiedenen Ärzten beraten. Als die Entscheidung für eine bestimmte Behandlung gefallen war, wurde es leichter.
Außerdem nahmen wir uns fest vor, uns nicht zu viele Sorgen darüber zu machen, was der nächste Tag bringen könnte (Matthäus 6:34). Es gibt so viele Gründe, positiv zu bleiben! Ein Beispiel: Als wir wegen der Behandlung nach Deutschland gingen, schrieben wir einen Brief an unsere Bethelfamilie in Bratislava (Slowakei) und erklärten unsere Situation. Daraufhin bekamen wir eine Flut von lieben Nachrichten, in denen unsere Freunde uns versicherten, dass sie uns lieb haben und für uns beten. Durch unsere Glaubensfamilie kann Jehova uns Frieden geben, „der allen Verstand übersteigt“ (Philipper 4:7).
Keiner von uns weiß, ob er irgendwann lebensbedrohlich krank wird oder sogar dem Tod ins Auge sehen muss (Prediger 9:11; Jakobus 4:14). Deshalb bin ich Jehova dankbar, dass er mir geholfen hat, mich in jungen Jahren dafür zu entscheiden, ihm nach besten Kräften zu dienen. Nichts hätte meinem Leben mehr Sinn geben können!c
a Serbokroatisch war im ehemaligen Jugoslawien die offizielle Landessprache.
b Weitere Einzelheiten über diese Hilfsaktion findet man in dem Artikel „Hilfe für unsere Familie der Gläubigen in Bosnien“ im Wachtturm von 1. November 1994, S. 23-27.
c Bruder Hamadej verstarb am 28. Januar 2025, während dieser Artikel vorbereitet wurde.