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  • Die Würde des Kranken wahren
  • Erwachet! 1998
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Erwachet! 1998
g98 22. 9. S. 5-9

Die Würde des Kranken wahren

ZWEI Tage bevor Sally mit ihrem Mann einen Neurologen aufsuchte, wurde in Südafrika ein neuer Premierminister gewählt. Nach dem Wahlergebnis befragt, starrte Alfie den Neurologen ratlos an und brachte keine Antwort heraus. Nach einer Gehirnuntersuchung ließ sich der Arzt dann zu der ziemlich gefühllosen Äußerung hinreißen: „Der Mann kann ja kaum zwei und zwei zusammenzählen. Sein Gehirn funktioniert nicht mehr!“ Darauf riet er Sally: „Sie müssen Ihre Finanzen regeln. Außerdem kann dieser Mann aggressiv werden und auf Sie losgehen.“

„Niemals!“ erwiderte Sally. „Nicht mein Mann!“ Sally hatte recht. Alfie wurde nie handgreiflich, obwohl manche Alzheimer-Kranke tatsächlich aggressiv werden. (Ursache sind oft Gefühle der Frustration, die sich durch die Art und Weise, wie man mit dem Betroffenen umgeht, bisweilen abschwächen lassen.) Der Neurologe stellte zwar die richtige Diagnose, war sich aber offenbar nicht bewußt, daß die Würde des Patienten zu achten ist. Sonst hätte er Sally unter vier Augen behutsam über Alfies Zustand aufgeklärt.

„Würde, Respekt und Selbstachtung sind die offensichtlichsten Bedürfnisse Demenzkranker“, heißt es in dem Buch When I Grow Too Old to Dream. Ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, die Würde des Kranken zu wahren, wird in einem Informationsblatt der Londoner Alzheimer-Gesellschaft, betitelt Communication, angeführt: „Sprechen Sie nie mit anderen Leuten über ... [Alzheimer-Kranke], als ob sie nicht da wären. Sollten sie das Gesagte auch nicht verstehen, könnten sie sich doch irgendwie ausgegrenzt und geringschätzig behandelt fühlen.“

Tatsache ist, daß manche Alzheimer-Kranke durchaus verstehen, was andere über sie sagen. Ein Patient in Australien ging einmal mit seiner Frau zu einem Treffen einer Alzheimer-Gesellschaft. Sein Kommentar dazu: „Sie gaben den Betreuern Hinweise, was man tun kann und wie man vorgehen sollte. Mir machte es sehr zu schaffen, daß ich dort war und keiner über die Patienten sprach. ... Es ist zum Heulen. Weil ich Alzheimer habe, ist das, was ich sage, unbedeutend. Keiner hört zu.“

Optimismus ausstrahlen

Es gibt viele konstruktive Möglichkeiten, dem Betroffenen seine Würde zu lassen. Er braucht vielleicht Hilfe, um Alltagsaufgaben, die ihm einst leichtfielen, weiter zu bewältigen. War er zum Beispiel früher ein guter Briefeschreiber, könnte man sich mit ihm hinsetzen und ihm helfen, Briefe von besorgten Freunden zu beantworten. In ihrem Buch Alzheimer’s—Caring for Your Loved One, Caring for Yourself gibt Sharon Fish praktische Tips, wie man Alzheimer-Kranken beistehen kann. Sie schreibt: „Überlegen Sie sich einfache gemeinschaftliche Tätigkeiten, die sinnvoll und produktiv sind: Geschirr spülen und abtrocknen, den Boden fegen, Wäsche zusammenlegen, kochen.“ Weiter führt sie aus: „Ein Alzheimer-Kranker ist höchstwahrscheinlich nicht in der Lage, die ganze Wohnung sauberzumachen oder ein komplettes Essen zu kochen, doch der Leistungsabfall schreitet meistens allmählich voran. Man kann die noch intakten Fähigkeiten ausnutzen und sie so lange wie möglich fördern. Dadurch fördert man gleichzeitig die Selbstachtung des Angehörigen.“

Ein Alzheimer-Kranker wird nicht alle Arbeiten zufriedenstellend erledigen, so daß man den Boden unter Umständen nochmals fegen oder das Geschirr nochmals spülen muß. Aber dadurch, daß man dem Betroffenen das Gefühl gibt, nützlich zu sein, ermöglicht man ihm ein erfülltes Leben. Ein Lob ist auch dann am Platz, wenn eine Arbeit nicht ganz richtig ausgeführt wurde. Immerhin hat er im Rahmen seiner nachlassenden Fähigkeiten sein Bestes getan. Alzheimer-Kranke brauchen ständig Bestätigung und Lob — um so mehr, wenn sich die Leistungseinbußen zunehmend bemerkbar machen. „Jeden Augenblick, ganz ohne Vorwarnung, können sie von Gefühlen der Wertlosigkeit überwältigt werden“, sagt Kathy, deren 84jähriger Mann an Alzheimer leidet. „Der Pflegende muß dann sofort helfen und dem Kranken liebevoll versichern, daß er es schon richtig macht.“ In dem Buch Failure-Free Activities for the Alzheimer’s Patient heißt es ebenfalls: „Wir haben alle das Bedürfnis zu hören, daß wir gute Arbeit leisten, und das ist bei Demenzkranken besonders stark ausgeprägt.“

Wie mit peinlichem Verhalten umgehen?

Pflegende müssen lernen, mit peinlichem Verhalten ihres Angehörigen umzugehen. Eine der schlimmsten Befürchtungen ist Inkontinenz in Gegenwart anderer. „Solche Vorfälle passieren nicht häufig und lassen sich meist verhüten oder auf ein Minimum beschränken“, erklärt Dr. Gerry Bennett in seinem Buch Alzheimer’s Disease and Other Confusional States. „Man muß die Dinge auch im richtigen Verhältnis sehen, denn nicht der Vorfall selbst oder die Anwesenden sind das Problem, sondern daß der Betroffene seine Würde einbüßt.“

Ist das Mißgeschick passiert, darf man nicht ungehalten werden. Ein Tip wäre: „Bleiben Sie ruhig und gelassen, und denken Sie daran, daß der Betroffene Sie nicht ärgern will. Wahrscheinlich ist er eher zur Zusammenarbeit bereit, wenn Sie freundlich und bestimmt reagieren, als wenn Sie gereizt sind und ungeduldig werden. Tun Sie Ihr möglichstes, damit das Problem Ihrer gemeinsamen Beziehung nicht schadet“ (Incontinence, eine Informationsschrift der Londoner Alzheimer-Gesellschaft).

Ist Berichtigen immer das Ideale?

Demenzkranke sagen oft etwas Unzutreffendes. Vielleicht sprechen sie davon, daß sie den Besuch eines längst verstorbenen Verwandten erwarten. Oder sie haben Halluzinationen und bilden sich ein, etwas Bestimmtes zu sehen. Ist es immer nötig, einen Alzheimer-Kranken, der etwas Verkehrtes sagt, zu berichtigen?

„Es gibt Eltern“, schreibt Robert T. Woods in seinem Buch Alzheimer’s Disease—Coping With a Living Death, „die es nicht lassen können, ihre Kinder bei jedem falsch ausgesprochenen Wort oder Grammatikfehler zu berichtigen. ... Das Resultat ist oft ein gereiztes, in sich gekehrtes Kind, das erleben muß, wie seine Bemühungen, sich auszudrücken, erstickt statt belohnt werden. Genauso kann es einem Alzheimer-Kranken ergehen, der unentwegt korrigiert wird.“ Interessanterweise gibt die Bibel für den Umgang mit Kindern den Rat: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden“ (Kolosser 3:21). Wenn schon Kinder auf ständiges Korrigieren gereizt reagieren, wieviel mehr dann ein Erwachsener! „Vergessen Sie nicht, daß es sich bei dem Patienten um einen Erwachsenen handelt, der sehr wohl weiß, was Unabhängigkeit und Leistung bedeuten“, gibt das in Südafrika erscheinende Mitteilungsblatt ARDA Newsletter zu bedenken. Es kann sein, daß der Alzheimer-Kranke durch fortgesetztes Berichtigen nicht nur reizbar, sondern auch depressiv oder sogar aggressiv wird.

Eine Lektion für den Umgang mit den Defiziten Demenzkranker läßt sich auch aus dem Verhalten Jesu Christi ableiten. Er korrigierte nicht augenblicklich jeden irrigen Standpunkt seiner Jünger. Zuweilen enthielt er ihnen Informationen vor, weil sie noch nicht imstande waren, sie zu begreifen (Johannes 16:12, 13). Wenn Jesus auf die Grenzen gesunder Menschen Rücksicht nahm, haben wir um so mehr Grund, uns auf die seltsamen, aber harmlosen Ideen schwerkranker Erwachsener einzustellen. Einem Betroffenen den wahren Sachverhalt klarmachen zu wollen wäre möglicherweise zuviel von ihm verlangt. Warum nicht schweigen oder taktvoll das Thema wechseln, statt einen Streit vom Zaun zu brechen? (Philipper 4:5).

Die liebevollste Methode besteht mitunter darin, einfach mitzumachen, wenn der Demente Halluzinationen hat, statt sie ihm ausreden zu wollen. Es kann sein, daß ein Alzheimer-Kranker unruhig wird, weil er ein wildes Tier „sieht“ oder einen Einbrecher hinter dem Vorhang vermutet. Das ist dann nicht der richtige Zeitpunkt, logisch argumentieren zu wollen. Immerhin ist das, was er sich einbildet, für ihn real, und man muß ihm seine tatsächlich empfundenen Ängste nehmen. Vielleicht ist es am besten, hinter dem Vorhang nachzuschauen und zu sagen: „Falls du ihn noch mal ‚siehst‘, sag mir Bescheid, damit ich dir helfen kann.“ Geht man auf die Vorstellungswelt des Patienten ein, so Dr. Oliver und Dr. Bock in ihrem Buch Coping With Alzheimer’s: A Caregiver’s Emotional Survival Guide, dann gibt man ihm „das Gefühl, den schrecklichen und erschreckenden Erscheinungen, die in seinem Sinn auftauchen, nicht ausgeliefert zu sein. ... Er weiß, daß er sich auf einen verlassen kann.“

„Wir alle straucheln oft“

All die erwähnten Anregungen umzusetzen kann schwierig sein, besonders wenn man bereits ein großes Arbeitspensum und noch andere familiäre Verpflichtungen hat. Es kann gelegentlich vorkommen, daß man als stark beanspruchter Betreuer die Selbstbeherrschung verliert und die Würde des Alzheimer-Kranken verletzt. In diesem Fall ist es wichtig, sich nicht mit Schuldgefühlen herumzuplagen. Wahrscheinlich wird der Demente auf Grund der Natur seiner Krankheit den Vorfall ganz schnell wieder vergessen.

Der Bibelschreiber Jakobus erklärt außerdem: „Wir alle straucheln oft. Wer nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann“ (Jakobus 3:2). Bei der schwierigen Aufgabe, einen Alzheimer-Kranken zu versorgen, muß man damit rechnen, Fehler zu machen, zumal keine menschliche Pflegekraft vollkommen ist. Im nächsten Artikel wird betrachtet, was Betreuern noch helfen kann, die Pflege eines Alzheimer-Kranken zu bewältigen und sogar Freude dabei zu empfinden.

[Herausgestellter Text auf Seite 9]

Alzheimer-Kranke brauchen ständig Bestätigung und Lob

[Herausgestellter Text auf Seite 9]

Der Patient versteht das Gesagte womöglich. Deshalb sollte man an seinem Bett nicht mit anderen über seinen Zustand sprechen und keine abfälligen Äußerungen machen.

[Kasten auf Seite 6]

Sollte man es dem Kranken sagen?

VIELE Pflegende fragen sich, ob sie ihren Angehörigen über seine Krankheit aufklären sollten. Wenn ja, wie sollte man vorgehen, und wann ist der richtige Zeitpunkt? In einem Mitteilungsblatt einer südafrikanischen Alzheimer-Gesellschaft waren folgende interessanten Äußerungen einer Leserin abgedruckt:

„Mein Mann hat seit ungefähr sieben Jahren Alzheimer. Er ist jetzt 81 und baut zum Glück nur sehr langsam ab ... Lange Zeit hielt ich es für grausam, ihm zu sagen, daß er Alzheimer hat, und so ließen wir die Ausrede gelten, die er sich selbst zurechtgelegt hatte: ‚Was will man denn von einem 80jährigen erwarten!‘“

Darauf erwähnte die Leserin ein Buch, in dem angeraten wird, den Betroffenen mit freundlichen, einfachen Worten über seine Krankheit zu unterrichten. Allerdings wartete sie noch ab aus Angst, ihr Mann könnte das nicht verkraften.

„Eines Tages“, so fuhr sie fort, „äußerte mein Mann die Befürchtung, sich in einer Gruppe von Bekannten lächerlich zu machen. Das war die Gelegenheit! Mir brach der kalte Schweiß aus, als ich mich neben ihn kniete und ihm sagte, daß er an Alzheimer leidet. Natürlich begriff er nicht, was das ist, aber ich erklärte ihm, daß ihm wegen dieser Krankheit jetzt manches schwerfällt, was früher leicht für ihn war, und daß er deswegen auch vergeßlich geworden ist. Ich zeigte ihm nur zwei Sätze in Ihrer Broschüre Alzheimer’s: We Can’t Ignore It Anymore: ‚Die Alzheimer-Krankheit ist eine Erkrankung des Gehirns, die Gedächtnisverlust und einen starken Abbau der geistigen Fähigkeiten bewirkt ... Es ist eine Krankheit und KEINE NORMALE ALTERSERSCHEINUNG.‘ Ich versicherte ihm auch, seine Freunde wüßten über die Krankheit Bescheid und hätten daher Verständnis. Er ließ sich das kurz durch den Kopf gehen und meinte dann: ‚Was für eine Erleichterung! Das ist mir eine große Hilfe!‘ Sie können sich vorstellen, wie ich empfand, als ich sah, wie sehr ihn dieses Wissen entlastete.

Sobald er sich jetzt wegen irgend etwas aufregt, kann ich den Arm um ihn legen und sagen: ‚Denk dran, das bist nicht du. Es ist diese schlimme Krankheit, die dir das Leben schwermacht‘, und er beruhigt sich auf der Stelle.“

Freilich liegt jeder Fall von Alzheimer anders. Auch sind die Beziehungen zwischen Betreuern und Pflegebedürftigen ganz unterschiedlich. Es ist somit eine persönliche Angelegenheit, ob man dem Angehörigen sagt, daß er an der Alzheimer-Krankheit leidet.

[Kasten auf Seite 8]

Ist es wirklich Alzheimer?

IST ein betagter Mensch mit einemmal verwirrt, sollte man nicht voreilig auf Alzheimer schließen. Ein Trauerfall, ein abrupter Wohnungswechsel, eine Infektion und vieles mehr können bei Älteren zu Orientierungslosigkeit führen. In vielen Fällen läßt sich ein akuter Verwirrtheitszustand bei alten Menschen wieder rückgängig machen.

Selbst bei einem Alzheimer-Patienten muß eine plötzliche Verschlechterung des Zustands, etwa eine beginnende Inkontinenz, nicht unbedingt von der Alzheimer-Demenz herrühren. Die Alzheimer-Krankheit nimmt einen schleichenden Verlauf. „Eine abrupte Verschlechterung“, so das Buch Alzheimer’s Disease and Other Confusional States, „läßt zumeist auf eine akute Krankheit (zum Beispiel eine Atemwegs- oder Harnwegsinfektion) schließen. Eine kleine Gruppe von [Alzheimer-]Kranken scheint tatsächlich schneller abzubauen ... Bei den meisten geht der Verfall jedoch recht langsam vonstatten, insbesondere wenn der Betroffene gut versorgt ist und irgendwelche anderen gesundheitlichen Beschwerden frühzeitig und effektiv angegangen werden.“ Der Inkontinenz bei einem Alzheimer-Patienten kann auch ein anderes, behandelbares Gesundheitsproblem zugrunde liegen. „Der erste Schritt ist grundsätzlich der [Arzt-]Besuch“, heißt es in dem Informationsblatt Incontinence von der Londoner Alzheimer-Gesellschaft.

[Bilder auf Seite 7]

Alzheimer-Kranke bei Alltagsaufgaben zu unterstützen trägt dazu bei, daß sie ihre Würde bewahren

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