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Erwachet! 1987
g87 22. 6. S. 5-8

Können die Wälder noch gerettet werden?

„MIT vielen Streichen fällt man die dicksten Eichen“, schrieb John Lyly, ein englischer Schriftsteller des 16. Jahrhunderts. Sein Reim erweist sich als nur allzu prophetisch für die deutschen Lande, wo mehr und mehr Eichen kränkeln. Natürlich ist es nicht das erste Mal, daß Bäume von einer Krankheit befallen werden, an der sie zugrunde gehen. Die Wälder haben seit Jahrhunderten solchen Angriffen getrotzt. Weshalb also die Aufregung?

Baumkrankheiten befallen in der Regel nur jeweils eine Baumart. Gegenwärtig geht es aber um jede wesentliche Baumart Mitteleuropas. Nie zuvor ist ein Waldsterben an so vielen Orten gleichzeitig aufgetreten, und noch nie hat es so rasch auf andere Regionen übergegriffen. Nie sind so massive Schäden entstanden, nie sind unterschiedslos alle Baumarten befallen worden, ungeachtet der Höhenlage und ganz gleich, ob der Boden karg oder fett, alkalisch oder sauer war.

Außerdem waren bislang die Ursachen umgehend zu erkennen — Dürre oder Schädlings- oder Pilzbefall. Und wenn eine nahe gelegene Fabrik die Luft verpestete, hatte man den Schadstoff schnell ermittelt. Als daher den Forstbeamten gegen Ende der 70er Jahre die ersten Krankheitszeichen auffielen, verdächtigten sie zunächst diese „normalen“ Ursachen. Aber dann beobachteten sie, daß die Krankheit eine Baumart nach der anderen befiel: zuerst die Weißtanne, dann die Fichte und die Kiefer, später die Buche, die Eiche, den Ahorn und die Esche. Entsetzt verfolgte man die zunehmende Zahl von Bäumen mit Wachstumsstörungen oder Schädigungen des Feinwurzelsystems und von Bäumen, deren Blätter oder Nadeln vergilbten und schließlich abfielen. Diese und andere bislang unbekannte Krankheitszeichen bewiesen, daß ein neues Phänomen aufgetaucht war. Welcher Erreger trug die Schuld am Sterben der Wälder? Kurz darauf glaubte man, den Übeltäter dingfest gemacht zu haben: den sauren Regen.

Wie sich der saure Regen auswirkt

Kraftwerke, Großfeuerungsanlagen und Kraftfahrzeuge blasen Unmengen Schwefeldioxyde und Stickoxyde in die Luft. Wenn sich diese Gase mit Wasserdampf verbinden, entsteht verdünnte Schwefel- und Salpetersäure — der saure Regen. Solche Schadstoffe können von ihrem Entstehungsort weit weggetragen werden, über alle Grenzen.

So macht zum Beispiel Kanada weitgehend den hohen Schwefeldioxydausstoß von Kraftwerken in den Vereinigten Staaten für den sauren Regen verantwortlich, der sich auf die kanadischen Wälder und Wasserläufe verheerend auswirkt. Nicht rosiger ist die Lage in Europa. Dort spielt der saure Regen mitteleuropäischer Herkunft den skandinavischen Flüssen und Seen übel mit, indem er sie mehr und mehr versauert und ihren Fischreichtum dahinschwinden läßt.

Wenn der saure Regen durch den Boden sickert, werden natürliche Mineralstoffe zersetzt, und Kalzium, Kalium und Aluminium gelangen in tiefere Schichten. Auf diese Weise werden den Bäumen und anderen Pflanzen lebenswichtige Nährstoffe entzogen. Andere Forschungen belegen allerdings, daß dies längst nicht der einzige Grund für das gegenwärtige Waldsterben ist. Aber die Suche nach genauen Ursachen ist bisher enttäuschend verlaufen.

Ein ungelöstes Rätsel

Ein Meteorologe gab zu: „Uns geht es wie einer Gruppe blinder Männer, die hinter einem Elefanten her sind.“ Vor einiger Zeit konnte ein schwedischer Forstwissenschaftler 167 denkbare Erklärungen für das Problem aufzählen.

Was auch immer der Grund ist, „Schwefeldioxyd ist als Schuldiger zum Teil entlastet worden“, erklärt das US-Magazin Smithsonian, „zumindest was den Schwarzwald angeht“. Dort enthält nämlich die Atmosphäre heute weniger Schwefeldioxyd als vor 15 Jahren, und zwar „am wenigsten“, schreibt das Magazin, „wo die kränksten Bäume stehen“.

Forschungen lassen vermuten, daß sich der saure Regen mit Spuren giftiger Metalle aus den Schloten von Kraftwerken, in denen fossile Brennstoffe verheizt werden, sowie mit giftigen Metallen aus Autoabgasen vermischt und dann im Boden die für Bäume unverzichtbaren Nährstoffe zerstört. Einige Experten glauben, durch die wiederholte Versauerung des Bodens würden Spurenelemente gelöst, die von den Wurzeln aufgenommen würden, und die Wasserversorgung des Baumes würde blockiert.

Hans Mohr, Hochschullehrer an der Freiburger Universität, meint, die Schwierigkeit sei durch den Stickstoff bedingt. Er beruft sich auf Forschungsergebnisse, die anzeigen, daß in den vergangenen zwanzig Jahren die Menge der Stickstoffverbindungen in der Atmosphäre um 50 Prozent zugenommen hat. Dieser Anstieg habe folgende Hauptursachen: Autoabgase, Emissionen aus stationären Quellen, mit fossilen Brennstoffen betriebene Zentralheizungen und Ammoniakemissionen, verursacht durch die Landwirtschaft und durch Müllverbrennungsanlagen. Bernhard Ulrich von der Göttinger Universität meint, daß nicht Gifte in der Luft, sondern Gifte im Boden den Bäumen den Rest geben. Andere Fachleute weisen mit erhobenem Finger auf den Ozongehalt der Luft, auf den sinkenden Grundwasserspiegel oder auf unwirksame Forstwirtschaftsmethoden hin.

„Ein neuer Forschungszweig“, so das Magazin Smithsonian, „macht keinen Schadstoff in der Luft allein verantwortlich, sondern eine bisher unbekannte Wechselwirkung aller Stoffe, deren Gesamtwirkung die der einzelnen Stoffe übertrifft.“ Das ist auch äußerst naheliegend. Als luftverschmutzend gelten beinahe 3 000 chemische Verbindungen. Ihre Konzentration steigt seit mehreren Jahrzehnten und belastet den Wald zunehmend.

Solange das Ökosystem intakt war und die Auswirkungen der Verschmutzung auffangen konnte, ging alles gut. Wenn aber heute Frost, Dürre oder Schädlingsbefall den Bäumen zusetzt, sind diese nicht mehr widerstandsfähig genug.

Offensichtlich fällen viele „Streiche“ die stolze deutsche Eiche. Beantworten zu wollen, genau welcher Schadstoff für ihr Ableben verantwortlich ist, ist ebenso müßig, wie die Frage zu stellen, aus welchem Wasserhahn der Tropfen stammt, der ein Becken zum Überlaufen brachte, wenn es gleichzeitig aus zehn Hähnen gefüllt wurde.

Was wird unternommen?

In dem Bewußtsein, daß schleunigst etwas geschehen muß, wenn das Schlimmste verhindert werden soll, werden auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene „kurzfristige Maßnahmen eingeleitet, um die Bäume so lange zu erhalten, bis dauerhafte Lösungen gefunden werden“, heißt es in einer Zeitschrift. Bis dahin forscht man weiter und fertigt Infrarot-Luftbilder von den Wäldern an mit dem Ziel, das Schadensausmaß zu erfassen und die weitere Strategie festzulegen.

„Warum werden die kranken Bäume nicht durch neue ersetzt?“ fragt sich vielleicht der eine oder andere. So einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dies aber nicht, denn sogar an jüngeren Baumbeständen treten bereits dieselben Symptome auf wie an den älteren. Selbst dem Einsatz von Düngemitteln, die die Mängel des Bodens ausgleichen, ist nur ein begrenzter Erfolg beschieden.

Vorrang erhalten vor allem Maßnahmen zur Reinerhaltung der Luft. Die gesetzlichen Auflagen für die Industrie sind verschärft worden, so daß man in der Bundesrepublik Deutschland hofft, bis zur Mitte der 90er Jahre den Ausstoß von Schwefeldioxyden um zwei Drittel und den Stickoxyd-Ausstoß um die Hälfte zu senken.

Autofahrern werden großzügige Steuerermäßigungen gewährt, wenn sie ein Fahrzeug kaufen, das aufgrund seiner technischen Ausstattung — zum Beispiel Katalysator — entscheidend weniger Schadstoffe abgibt. Als zusätzlichen Kaufanreiz bietet man in manchen Ländern bleifreien Kraftstoff verbilligt an. In Österreich ist im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern bleifreies Benzin überall erhältlich. Auch in der Schweiz gelten seit Ende 1986 neue Emissionsvorschriften, die darauf abzielen, den Absatz katalysatorgerüsteter Kraftfahrzeuge zu fördern.

Solche Anstrengungen werden unternommen, weil das Waldsterben, wie der Leiter des Instituts für Waldbau an der Wiener Universität für Bodenkultur sagte, nur aufgehalten werden kann, wenn die Schadstoffbelastung der Luft auf die Werte von 1950 zurückgeführt wird. Ist das aber realistisch, wenn man bedenkt, daß zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland, wo es, auf die Fläche bezogen, mehr Kraftfahrzeuge gibt als anderswo in der Welt, die Zahl der Kraftfahrzeuge heute 19mal so hoch ist wie in jenem Jahr?

Wie aus Untersuchungen hervorgeht, würden Tempolimits den Schadstoffausstoß spürbar verringern. Doch gegen einen derartigen Vorschlag läuft man hier Sturm. Dennoch setzt sich bei einem Teil der Autofahrer die Einsicht durch, daß sie im Interesse der Wälder — abgesehen von ihrer eigenen Gesundheit — das Gaspedal nicht voll durchtreten sollten. Andere weisen solche Beschränkungen selbstherrlich zurück. Typisch dafür sind Fahrer, die auf Aufklebern am Heck ihres Fahrzeugs verkünden: Mein Wagen läuft auch ohne Wald.

Ein wesentliches Problem ist es, den einzelnen sowie den Staat von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit zu überzeugen. Da die Luftverschmutzung auch vor den Schlagbäumen nicht haltmacht, sind internationale Strategien angezeigt. Doch bisher sind alle Bemühungen um ein gemeinsames Vorgehen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft enttäuschend verlaufen.

Kann mehr getan werden?

Viele meinen, es müsse mehr getan werden. Diese Ansicht hat in der Bundesrepublik Deutschland sogar einer neuen Partei zum Aufschwung verholfen: den Grünen. Ende der 70er Jahre fand diese Partei, die den Umweltschutz auf ihre Fahne geschrieben hat, sowohl in den Gemeinden als auch landesweit großen Zuspruch. Im Jahre 1983 zog sie schließlich mit 27 Abgeordneten in den Deutschen Bundestag ein, nachdem sie 5,6 Prozent der Wählerstimmen auf sich hatte vereinigen können.

Der Volksmund sagt: Grün ist die Hoffnung. Haben die Grünen aber eine Hoffnung für den Wald parat? Trotz guter Absichten und hoher Ideale ist die Partei nur wenig vorangekommen. Ein Großteil der Bürger hält die Grünen für politisch naiv, weil ihre Vorschläge zur Lösung komplexer Probleme zu stark vereinfachend seien.

Viele tun etwas, um die Luftverschmutzung soweit wie möglich zu drosseln. Man fährt langsamer und weniger, bildet Fahrgemeinschaften, tankt bleifrei und hält sich an die Umweltschutzbestimmungen. Aber das genügt offensichtlich nicht.

Die drastische Beschneidung des Kraftfahrzeug- und Flugverkehrs sowie die Stilllegung von Industrieanlagen würde zwar das Problem Luftverschmutzung entschärfen, aber zwangsläufig andere Probleme schaffen. Die Lösung des Problems Waldsterben — im Grunde genommen die Lösung aller Umweltprobleme — muß woanders gesucht werden.

[Herausgestellter Text auf Seite 8]

Ein wesentliches Problem ist es, den einzelnen sowie den Staat von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit zu überzeugen

[Bild auf Seite 7]

Wissenschaftler sind geteilter Meinung darüber, wie die Schadstoffe das Sterben des Waldes verursachen

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