Von Schiff zu Schiff im Hamburger Hafen
Vom „Awake!“-Korrespondenten in der Bundesrepublik Deutschland
ES NIESELT leicht. Der Himmel ist grau. Ein bißchen Nebel versperrt die Sicht. Echtes Hamburger Wetter! Vor uns türmen sich Container — überdimensionale Kästen, 12 m lang und 2,5 m hoch —, jeweils drei aufeinandergestellt. Von irgendwoher erklingt eine blecherne Stimme: „Beware of the train! — Vorsicht, es wird rangiert!“ Schwerbeladene Lkws „röhren“ aus mehreren Richtungen, dazwischen hektisches helleres Brummen. Dazu noch das Aufundabjaulen von Sirenen. Das ist die Hafenmelodie am Schuppen 90 im Hamburger Hafen.
Jetzt gehen wir durch eine der Schluchten zwischen den Containerbergen. Wenn man sich dabei ein wenig unwohl fühlt, ist es ganz normal. Auch uns geht es immer noch so — denn hier zwischen den technischen Geräten, die scheinbar ganz ungeordnet durcheinanderrasen, ist es nicht ungefährlich.
Wir werfen einen Blick über den Kai, bevor wir weitergehen, und sehen mächtige Schiffe. Der Frachter gerade vor uns, obwohl er von durchschnittlicher Größe ist, mag 15 000 Tonnen haben und fast 200 m lang sein. Im Hintergrund, an der anderen Seite des Hafenbeckens, am Ausrüstungskai der Werft, liegt ein modernes Containerschiff, 50 000 Tonnen und 280 m lang. Die Bordwände ragen 15 m aus dem Wasser; dazu kommen noch einmal 5 Stockwerke Aufbauten. So ein Riese kann 3 000 20-Fuß-Container verschlucken.
Vorsicht! Da kommt ein eigenartiges Ungetüm mit jaulenden Sirenen, das aussieht wie eine vierbeinige Spinne mit Rädern. Es ist hoch genug, um über die aufeinandergestellten Container zu fahren und einzuhaken, damit sie dann transportiert werden können. Portalhubwagen wird es genannt. Die Sirene ist ein Warnsignal, denn der Fahrer kann schwerlich alles übersehen.
Wir wollen jetzt auf die andere Seite des Kais gehen. Halte bitte die Augen und Ohren offen, denn hier ist allerhand los. Portalhubwagen, Lkws, Gabelstapler und Eisenbahn sind in ständiger Bewegung. Und wenn wir in den Bereich der Kräne mit ihren schwenkenden Lasten kommen, ist ein gelegentlicher Blick nach oben auch nicht verkehrt. Denn manchmal werden tonnenschwere Gegenstände transportiert, und da kann schon einmal etwas herunterfallen.
An die Arbeit
Wir können uns hier einen Augenblick verschnaufen und uns auf unseren Dienst vorbereiten. Wir sind christliche Prediger und wollen uns mit Menschen über das Wort Gottes unterhalten. Heute gehen wir aber nicht von Haus zu Haus, wie es bei den Zeugen Jehovas üblich ist, sondern von Schiff zu Schiff. Zunächst möchten wir möglichst herausfinden, welche Sprachen auf den Schiffen gesprochen werden. Am Bug, in den Masten und am Heck wehen verschiedene Fahnen, die alle ihre besondere Bedeutung haben. Die Fahne am Heck zum Beispiel verrät uns, in welchem Land ein Schiff beheimatet ist. Außerdem lesen wir da den Namen des Schiffes und des Heimathafens.
Der Name des ersten Schiffes ist „Rimba Merati“; das klingt so richtig nach weiter Ferne, nicht wahr? Es kommt aus Liberia, aber in diesem Fall hilft uns das nicht viel, denn meistens sind Schiffe mit der Heimatangabe Liberia oder Panama dort nur registriert. So wird sicherlich kein einziger Liberianer an Bord sein. Manchmal hilft uns ein Blick zum Schornstein, denn der trägt Wappen oder Farben der Reederei. Jedoch im Falle von „Rimba Merati“ müssen wir uns überraschen lassen, welche der etwa 20 Sprachen, in denen wir heute Literatur bei uns haben, in Betracht kommt. Auf jeden Fall werden zumindest die Offiziere Englisch verstehen, denn das ist die Sprache der Seefahrt.
Auf dem Weg zur Gangway — dem Laufgang zum Besteigen des Schiffes — gehen wir zunächst unter einem ganz besonderen Riesen, der im Ruhezustand aussieht wie ein vierbeiniges stählernes Urwelttier, das seinen Hals weit in die Höhe reckt. Unser „Urwelttier“ ist aber voll in Aktion. Wenn geklingelt wird, setzt es sich in Bewegung. Seinen „Hals“ hat es waagerecht weit über das Schiff hinausgereckt. Daran gleitet die Laufkatze hin und her, in der auch der Fahrer sitzt. Von ihr kommt gerade eine rechteckige Halterung herunter, hakt automatisch in die Kanten des Containers ein, den vorhin der Portalhubwagen hierhergebracht hat, und hoch geht’s hinüber in den tiefen Bauch des Schiffes. So werden auf die Schiffe im Hafen jährlich eine viertel Million Container verfrachtet.
Wir stehen schon an der Gangway. Das wird wieder eine schöne Kletterei! Es ist gerade Flut, und zudem ist das Schiff noch ziemlich leer. Etwa 8 Meter an der Bordwand aufwärts, dann sind wir auf Deck. Besser du schaust nicht nach unten, da schwappt noch einmal 3 Meter tiefer die trübe Hafenbrühe. Aber keine Sorge; für alle Fälle ist vorschriftsmäßig ein Fangnetz angebracht.
Vor kurzem lag hier ein über 300 m langer Riesentanker, der ins Trockendock sollte und daher leer war. Etwa 40 m mußten wir auf der schmalen Gangway hinaufklettern. Es schaudert mich immer noch, wenn ich daran denke! Dann noch einmal 5 Stockwerke höher in die Offiziersetage. Jedoch hat die Aussicht uns dann für alles entschädigt. So ein Riese überragt alles im Hafen.
Inzwischen sind wir auf Deck. Zunächst müssen wir zum Ersten Offizier oder zum Diensthabenden, den wir fragen werden, ob es erlaubt ist, christliche Literatur in den Aufenthaltsräumen auszulegen. Nachdem wir ihn gefragt haben, werden wir mehr Berechtigung haben, uns auf dem Schiff frei zu bewegen. Bei ihm angekommen, müssen wir uns umstellen, denn ab jetzt geht es in Englisch weiter. Wir erklären, was wir wollen. Natürlich dürfen wir Literatur auslegen, meint er. In welchen Sprachen? Die meisten Offiziere sind Filipinos, die Mannschaft ist hauptsächlich aus Malaysia. Wir werden zum Hinsetzen eingeladen. Ja, er kennt Jehovas Zeugen aus seinem Heimatland. Wir schlagen unsere Bibel auf und lesen ihm Apostelgeschichte 10:35 vor: „Bestimmt merke ich, daß Gott nicht parteiisch ist, sondern daß ihm in jeder Nation der Mensch, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, annehmbar ist.“ Für den Hafendienst sicherlich ein sehr passender Text.
Auf einmal kommt der Kapitän. Auch er stammt von den Philippinen. Er würde gern unsere Literatur lesen, denn seine Bibel hat er stets an seiner Koje griffbereit liegen. Jetzt im Moment hat er zwar zum Lesen nicht viel Zeit, aber später auf See wird es schon so manche Mußestunde geben, ehe man nach etwa 3 Wochen in Singapur angelangt ist. In unserer Tasche entdecken wir einige Broschüren in Tagalog, einer der Hauptsprachen der Philippinen. Sie werden freudig entgegengenommen. Ein wenig später können wir in der Mannschaftsmesse, zwei Etagen tiefer, auch einige kurze Gespräche führen.
Als wir die Gangway hinabsteigen, entdecken wir ein Schiff an einer ungewohnten Stelle. Das Heck verrät uns, daß die „Er Riad“ aus Saudi-Arabien kommt. Es ist das erste Mal, daß wir einem Schiff aus diesem Land begegnen, aber wir sind darauf vorbereitet, denn auch arabische Literatur haben wir bei uns. Wir werden freundlich empfangen, und ein Offizier nimmt uns mit in seine Kabine. Auf dem Tisch liegt der Koran. Wir schlagen unsere Bibel auf. Der Offizier nimmt sie in die Hand und läßt sich einiges erklären. Sicherlich ist dies das erste Mal, daß er eine Bibel in der Hand hält. Einige Broschüren in Arabisch lassen wir zurück. Wir freuen uns, Personen erreicht zu haben, die vorher wahrscheinlich nie etwas über die gute Botschaft der Bibel gehört haben.
Weitere Erfahrungen im Hafengebiet
In der Vergangenheit haben wir sehr interessante Erfahrungen im Hafengebiet gemacht. Einmal haben wir auf einem Schiff einen Steward aus Nigeria getroffen, der das Buch Aid to Bible Understanding (ein Bibellexikon der Wachtturm-Gesellschaft) haben wollte. Wir waren erstaunt, daß er es kannte. Als das Schiff drei Monate später wieder in Hamburg war, konnten wir es ihm bringen. Ich würde gerne wissen, was aus ihm geworden ist oder auch aus dem Bootsmann eines südafrikanischen Schiffes, der unsere Zusammenkünfte einige Male besuchte, als er in Hamburg war.
Einmal wurden wir eingeladen, am Sonntag vor versammelter Mannschaft eines Schiffes aus Ghana eine biblische Ansprache zu halten. Besonders hat mich dabei beeindruckt, über welche Kenntnis der Bibel viele der Matrosen verfügten, denn sie stellten zum Teil ganz gezielte Fragen über bestimmte Verse der Bibel.
Auf demselben Kai sind wir auch eines Tages der „Königin von Saba“ begegnet. Die Seeleute auf diesem Schiff aus Äthiopien machten dem Namen ihres Schiffes wirklich Ehre. Wir warteten in der Messe auf einen jungen Mann, mit dem wir uns schon öfter unterhalten hatten, als immer wieder andere Matrosen hereinkamen und uns fragten, ob wir nicht auch für sie etwas zu lesen hätten. Jedesmal konnten wir uns ein wenig unterhalten und ihre Fragen beantworten. Anschließend wurden wir zu einem schmackhaften Essen eingeladen. Hast du schon einmal äthiopisch gegessen?
Im Jahre 1977 während des Krieges im Libanon entdeckten wir ein libanesisches Schiff im Hafen. Zuerst waren wir etwas unschlüssig. Wie würde man uns mit christlicher Literatur empfangen, wo doch der Name „Christ“ in jenem Land so sehr mit Krieg, Mord und Verbrechen in Zusammenhang gebracht worden war? Den Matrosen konnte man ansehen, daß sie sich Sorgen machten um ihre zu Hause gebliebenen Angehörigen. Man erzählte uns, daß das Schiff drei Wochen im Hafen von Beirut gelegen habe, ohne daß man be- oder entladen konnte, weil auf alles, was sich bewegte, geschossen wurde. Einige Einschüsse konnte man sogar auf dem Schiff sehen. Wir hatten eine gute Möglichkeit, den Matrosen die Botschaft des Friedens zu verkündigen und zu erklären, daß wahre Christen niemals mit fleischlichen Waffen kämpfen (Micha 4:1-4; 2. Kor. 10:3, 4).
Natürlich sind wir nicht die einzigen, die im Hafen von Schiff zu Schiff gehen. Die beiden über 70jährigen Zeugen, die wir manchmal in der „Hafenklappe“ beim Imbiß treffen, haben sicherlich die ältesten Rechte darauf. Der eine — mit einem Händedruck gleich einem Schraubstock — war selbst einmal Bootsmann. Vor dem Krieg war er Vollzeitprediger in Portugal und Holland. Dann kam er ins Konzentrationslager. Er überlebte den fürchterlichen Untergang der „Cap Arcona“, die mit KZ-Häftlingen überfüllt war. Schon lange ist er fast jeden Tag hier im Hafen unterwegs. Un he snackt platt, daschja man klor, wie das hier im Hafen üblich ist. Wir freuen uns jedesmal, wenn wir die beiden treuen Kämpfer treffen.
Bei unserer Tätigkeit im Hafen denken wir oft an den Text in Prediger 11:1, wo es heißt: „Sende dein Brot aus auf die Oberfläche der Wasser, denn im Verlauf vieler Tage wirst du es wiederfinden.“ Wir hoffen, daß unsere Glaubensbrüder irgendwo in der Welt etwas von unserer Tätigkeit „wiederfinden“. (Eingesandt.)