Die Gabe des Ledigseins
VIELEN erscheint der Gedanke, vom Ledigsein als von einer Gabe zu sprechen, recht befremdend. Sie können nicht begreifen, wie ein Sichversagen dessen, was sie zu den tiefsten Freuden des Lebens zählen (denn eines Christen Ledigsein bedeutet Keuschheit oder Enthaltsamkeit), als eine Gabe bezeichnet werden könnte. Heiraten, so folgern sie, ja, aber Ledigsein — eine Gabe?
Wenn wir Ledigsein als eine Gabe bezeichnen wollen, haben wir keine geringere Autorität hierfür als den weisesten und grössten Menschen, der je gelebt hat, den Sohn Gottes. Beim Besprechen dieses Themas mit seinen Jüngern sagte er einmal: „Nicht alle Menschen machen Raum für das Wort, sondern nur jene, welche die Gabe haben. Denn es gibt Eunuchen, die von ihrem Mutterleib an als solche geboren wurden, und es gibt Eunuchen, die von Menschen zu Eunuchen gemacht wurden, und es gibt Eunuchen, die sich selbst zu Eunuchen gemacht haben wegen des Königreiches der Himmel. Wer dafür Raum machen kann, mache dafür Raum.“ — Matth. 19:11, 12, NW.
Warum bezeichnete Jesus das Ledigsein als eine Gabe? Weil es etwas ist, was zur Förderung der wahren Anbetung auf Erden und des eigenen Glücks gepflegt und wirksam gebraucht werden kann, gleichwie andere Gaben Gottes. Dass der ledige Stand für den christlichen Evangeliumsdiener entschiedene Vorteile hat, geht aus den Worten des Apostels Paulus hervor: „In der Tat, ich will, dass ihr frei seid von Sorgen. Der ledige Mann ist besorgt um die Dinge des Herrn, wie er des Herrn Anerkennung erlange. Der verheiratete Mann aber ist besorgt um die Dinge der Welt, wie er die Anerkennung seiner Frau erlange, und er ist geteilt. Ferner ist die Unverheiratete und die Jungfrau um die Dinge des Herrn besorgt, dass sie sowohl an Leib als auch an Geist heilig sei. Die verheiratete Frau dagegen ist um die Dinge der Welt besorgt, wie sie die Anerkennung ihres Mannes finde. Ich sage euch dies aber zu euerm persönlichen Nutzen, nicht um eine Schlinge über euch zu werfen, sondern um euch zu dem zu bewegen, was schicklich ist und was bedeutet, sich ohne Ablenkung beständig dienend dem Herrn hinzugeben.“ — 1. Kor. 7:32-35, NW.
Wahrlich, ungeteilten Herzens und Sinnes Jehova Gott dienen zu können, um seinem Werk ohne Ablenkung unsere beständige Aufmerksamkeit zu schenken, ist eine Gabe, und zwar eine solche, die hoch zu bewerten ist. Ja, „auch der tut gut, der seine Jungfrauschaft für die Ehe darangibt, wer sie aber nicht für die Ehe darangibt, tut besser“, wegen der grösseren Dienstvorrechte und des entsprechend grösseren Glücks. — 1. Kor. 7:38, NW.
Man beachte ferner ein anderes Argument, das Paulus dazu gebraucht, für die Gabe des Ledigseins in unserm Leben Raum zu machen: „Ferner sage ich dies, Brüder: die verbleibende Zeit ist verkürzt.“ (1. Kor. 7:29, NW) Weil die Zeit verkürzt war, erhielt Jeremia das Gebot, nicht zu heiraten. (Jer. 16:2) Ist in unseren Tagen dieses Argument etwa nicht von besonderer Kraft?
FÜR DIE GABE RAUM MACHEN
Einige sagen, Jesu Worte bedeuteten, dass die Gabe des Ledigseins nicht für einen jeden sei und besonders nicht für sie. Solche suchen aber etwas in die Worte Jesu hineinzulesen, was er nicht gesagt hatte. Er zeigte, dass nicht alle dafür Raum machen würden, und dass jene, die für diese Gabe des Ledigseins Raum machen, jene seien, die „sich selbst zu Eunuchen gemacht haben wegen des Königreiches der Himmel“. Jenen, die eine Ausnahme zu machen suchen, mag die Frage gestellt werden, bis zu welchem Masse sie versäumen, dem Beispiel des Paulus zu folgen, indem sie ihren Leib daniederhalten und ihn zu einem Sklaven machen würden? „Das Herz ist trügerisch mehr als alles, und hoffnungslos krank — wer kann es verstehen?“ — Jer. 17:9, AÜ; 1. Kor. 7:29; 9:26, 27, NW.
Wie macht denn jemand Raum für die Gabe des Ledigseins? Vor allem, indem er in seinem Sinn die feste Entscheidung trifft, nicht irgendeiner Leidenschaft nachzugeben, sondern seine volle Lebenskraft und sein Freisein von der Ehe zu bewahren, um Jehova so besser dienen zu können. Ein solcher Entschluss wird seine Selbstbeherrschung stärken. Dann muss jemand Raum für diese Gabe machen, ebenso wie jemand durch Selbstverleugnung für die andern Gaben in seinem Leben Raum macht, indem er Zeit und Kraft aufwendet, solche Gaben zu pflegen.
Um dies zu tun, müssen wir uns in des Herrn Werk vertiefen, gleichwie Paulus es tat. Wir dürfen nicht sagen: ‚Ich wünsche die Gabe des Ledigseins oder möchte sie gern haben‘ und dabei die Kraft unseres Wunsches oder Entschlusses abschwächen, indem wir uns für eine besondere Person vom andern Geschlecht interessieren und enge Vertrautheit mit ihr pflegen. Nein, wir müssen dem nachgehen, was wir haben möchten, der Gabe des Ledigseins, und müssen all die Selbstverleugnung und die Dinge, die es erfordert, sich ihrer zu erfreuen, auf uns nehmen. Wir müssen in unsern Zukunftsplänen für diese Gabe Raum machen.
Für den Apostel Paulus war das Ledigsein etwas Praktisches, und er trachtete auf praktische Weise danach. (1. Kor. 9:5) Er war ehrlich mit sich selbst, gemäss der ihm verliehenen Gabe. In Anbetracht seiner Gabe auferlegte ihm der Herr so viele Verantwortlichkeiten, dass er keine Zeit fand, ans Heiraten zu denken. Er erkannte, dass er einfach seinen Verantwortlichkeiten nicht hätte nachkommen können, wenn er die beständige Sorge und Aufmerksamkeit um ein Weib gehabt hätte. Dies ist der Grund, weshalb er auch erklärte, dass verheiratete Christen, wenn sie an gewissen Vorrechten teilhaben möchten, bis zu einem gewissen Grade so handeln müssen, wie wenn sie nicht verheiratet wären. Ja, auch sie müssten in ihrem Leben für Gaben Raum machen, die sie pflegen und zum Lobpreis Jehovas und zur Segnung anderer gebrauchen möchten. — 1. Kor. 7:29-31.
Ob aber verheiratet oder ledig, lasst uns das an Gaben gebrauchen, was wir gemäss der Weisheit haben, die Gott uns durch sein Wort und sein Handeln mit uns gibt. Lasst uns demütig das an Dienstvorrechten annehmen, was uns gewährt wird, indem wir von der Fähigkeit und Tauglichkeit, die wir haben mögen, Gebrauch machen und das, was Gott uns an Vorrechten und Gelegenheiten gegeben hat, und was wir selbst mit einer Freude bewältigen können, wie wir sie nie zuvor empfanden, nicht in die Hände anderer legen. Möge ein jeder Wertschätzung bekunden für die Gaben, die Gott ihm gegeben hat, und sich so der grossen Gabe des ewigen Lebens als würdig erweisen.