Fragen von Lesern
● Wie ist das, was Jesus gemäß Matthäus 6:7 über Gebete sagte, die besonders lang sind oder bei denen immer wieder dasselbe gesagt wird, auf unsere persönlichen und auf öffentliche Gebete anzuwenden, wenn man an die zum Teil langen Gebete denkt, die in der Bibel aufgezeichnet sind? — M. F., USA.
In der Bergpredigt verurteilte Jesus religiöse Heuchler, die „gern stehend in den Synagogen ... [beteten], um von den Menschen gesehen zu werden“. (Matth. 6:5) Sie hatten beim Beten schlechte Beweggründe. Ihre Gebete waren keine aufrichtigen, demütigen Äußerungen. Darum sagte Jesus: „Wenn ihr ... betet, sagt nicht immer und immer wieder dasselbe, wie die Leute von den Nationen, denn sie meinen, daß sie erhört werden, weil sie viele Worte machen [(oder:) meinen, man könne von Gott durch lange Gebete etwas erreichen, Neues Testament 1968].“ — Matth. 6:7.
Zu der Zeit, da Jesus auf der Erde war, hielten sich die Juden beim Beten genau an die von ihren heuchlerischen geistlichen Führern festgelegten Vorschriften über Gebärden und Körperhaltung und wiederholten immer wieder dieselben Formeln. Für die geistlichen Führer der Juden war das öffentliche Gebet nur noch eine auf Selbstgerechtigkeit beruhende Handlung, durch die sie gewisse Verdienste zu erlangen hofften und ihre Frömmigkeit zur Schau stellen wollten. Sie mögen wohl einige leichtgläubige Menschen beeindruckt haben, Gott aber konnten sie nicht beeindrucken. Diese Heuchler, die „lange Gebete“ sprachen, sollten ein schwereres Gericht empfangen. — Luk. 20:47.
Es stimmt, daß einige in der Bibel wiedergegebene Gebete ziemlich lang sind. Zum Beispiel das Gebet Salomos bei der Einweihung des Tempels mag nahezu zehn Minuten gedauert haben. (1. Kö. 8:23-53; 2. Chron. 6:14-42) Der Bericht des Johannes über ein Gebet, das Jesus in der letzten Nacht sprach, in der er mit seinen Jüngern zusammen war, umfaßt sechsundzwanzig Verse. (Joh. 17:1-26; siehe ferner Nehemia 9:5-38.) Bei diesen Gebeten handelt es sich besonders um öffentliche Gebete, die zu außergewöhnlichen Zeiten dargebracht wurden. Salomos Gebet war Gott wohlgefällig, und er erhörte es. Auch das Gebet Jesu erhörte er bestimmt. (2. Chron. 7:12; Joh. 11:42) Wir sind dankbar, daß diese langen Gebete in der Bibel niedergeschrieben worden sind.
Aufgrund der in der Bibel wiedergegebenen gottgefälligen Gebete können wir erkennen, daß Jesus nicht in erster Linie die Länge der Gebete kritisierte, sondern die schlechten Beweggründe, auf denen die langen, oft viele Wiederholungen einschließenden und nur zum Schein dargebrachten Gebete beruhten. Die langen Gebete, die Salomo und Jesus oder andere geistiggesinnte und innerlich ausgeglichene Männer aus guten Beweggründen und mit Aufrichtigkeit darbrachten, wurden von Jehova nicht mißbilligt.
Es ist nicht notwendig (und die Bibel berechtigt auch nicht dazu), irgendwelche Regeln im Hinblick auf die Länge öffentlicher oder persönlicher Gebete aufzustellen; sie können unterschiedlich lang sein.
Schwere Prüfungen, schwierige Probleme oder Situationen mögen ein langes Gebet, besonders ein persönliches, rechtfertigen. Jesus betete im Garten Gethsemane ziemlich lange, und bevor er die zwölf Apostel auswählte, „verbrachte [er] die ganze Nacht im Gebet zu Gott“. — Luk. 6:12; 22:41-45.
Andererseits finden wir in der Bibel auch viele äußerst kurze, aber vortreffliche Gebete, in denen lediglich das betreffende Anliegen erwähnt wurde. (Neh. 2:4; 1. Kö. 18:36, 37; 2. Kö. 6:17, 18; Joh. 11:41, 42; Apg. 1:24, 25) Es hätten in diesen Fällen auch noch andere Dinge erwähnt werden können. Wäre dies aber in dem Augenblick angebracht gewesen? Offenbar hielten es die Betenden nicht für nötig. Wir erinnern uns auch, daß das Mustergebet Jesu sehr kurz ist. — Matth. 6:9-15.
Es kommt also offensichtlich auf die Umstände an. Jesus wußte, daß es nicht verkehrt wäre, die ganze Nacht zu beten. Betete er aber sehr lange, bevor er die viertausend speiste? Die Bibel antwortet: „Er nahm die sieben Brote, sagte Dank, brach sie und gab sie seinen Jüngern zum Vorsetzen.“ (Mark. 8:6) So sollten auch heute bei Zusammenkünften der Versammlung die Umstände berücksichtigt werden. Zum Beispiel bei der Feier des Abendmahls werden vier verschiedene Gebete gesprochen. Wenn diese sehr lang wären, könnten dadurch unnötige Verzögerungen entstehen, die sich nachteilig auf die Abwicklung des Programms für die Benutzung des Saales und auf die Ansprache selbst auswirken. Gleichgewicht und ein gutes Unterscheidungsvermögen sind notwendig.
Das Wichtigste, was wir aus den Äußerungen Jesu über die Gebete der geistlichen Führer lernen sollten ist die Bedeutung der richtigen Beweggründe und Gedanken. Ein Christ, der betet, sollte sein Gebet nicht ausdehnen, um bei denen, die ihn hören, den Eindruck zu erwecken, als ob er „geistig reifer“ sei als sie. Er sollte sich auch nicht geziert ausdrücken, um andere zu beeindrucken. Zu unserem liebenden himmlischen Vater beten zu dürfen ist ein wunderbares Vorrecht, von dem wir regelmäßig in Aufrichtigkeit und Demut Gebrauch machen sollten. (Luk. 18:13, 14) Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, sollten Länge und Thema unserer öffentlichen und unserer persönlichen Gebete dem Anlaß und der Notwendigkeit entsprechen.