Schießerei in der Kirche
AM 17. Juni 1957 war im Daily Star von Beirut folgende Schlagzeile zu lesen: „19 Tote bei einer Schießerei in der Kirche von Zghorta.“ Wie kam es zu diesem anstößigen Zwischenfall? Wir müssen der Antwort etwas vorausschicken. Es besteht nämlich in Zghorta, einem Bergdorf im Norden des Staates Libanon, eine Familienfehde. Die Bevölkerung besteht aus maronitischen Katholiken, einem Zweig der römisch-katholischen Religion. In diesem maronitischen Dorf leben zwei große, einflußreiche Familien mit Namen Dweihi und Franjieh. Seit einiger Zeit besteht zwischen diesen beiden Familien ein Streit, der schon oft zu Schießereien geführt hat. „Bevor sie sich zum Kampf stellen“, berichtet die Zeitschrift Time, „sind sie so vorsichtig, sich zuerst in die Kirche zu begeben, um Gott darum zu bitten, daß er ihre Kugeln lenken möge, ja sie versäumen, selbst wenn sie im Kampfe stehen, nur selten den Besuch der Sonntagsmesse.“ Vor kurzem kam die Fehde nun durch einen merkwürdigen Zwischenfall zu einem Höhepunkt.
Während der Begräbnisfeierlichkeiten für einen früheren Bürgermeister und Cousin des maronitischen Bischofs von Tripolis hielt ein Angehöriger der Familie Dweihi eine Rede, die als Beleidigung für den gegenwärtigen Abgeordneten des Bezirks, einen Mann aus der Familie Franjieh, betrachtet wurde. Anlaß hierzu gab ein katholischer Priester namens Simaan Dweihi, der sich in die Politik einmischte. Er ließ sich nämlich für die Parlamentswahlen auf die Liste der Regierungskandidaten setzen. Dies erregte das Mißfallen Hamid Franjiehs, eines Wortführers der Gegenpartei. Man vermutete, daß Priester Dweihi die politische Laufbahn nur eingeschlagen hätte, um die Familie Franjieh in Mißkredit zu bringen und Hamid Franjiehs Aussichten auf die Präsidentenschaft zu zerstören.
Durch die politische Kampagne verschlimmerte sich die Lage zwischen den beiden streitenden Familien. „Der maronitische Pfarrer Simaan“, so schrieb die Zeitschrift Time, „trägt auf seiner Priesterrunde gewöhnlich eine große Pistole mit sich und geht selten auf die Reise, ohne von vier bis fünf seiner mit Revolvern bewaffneten Verwandten begleitet zu sein.“ Die Schießerei begann auf dem Hofe der Kirche und störte eine feierliche Prozession, an der sechs rotgekleidete Bischöfe und über 100 bärtige Priester teilnahmen. Revolverschüsse knallten. Maschinengewehre knatterten. Ein „Höllenlärm“ brach los. Kurz darauf begannen in der Kirche selbst Schüsse zu fallen, wo etwa 2000 Personen einem Gedenkgottesdienst für einen Scheich aus der Umgebung beiwohnten. Der mit Pistolen bewaffnete Priester Dweihi suchte Zuflucht in der Sakristei, wurde aber durch eine Kugel an der Hand verletzt. Wie die Zeitungen berichteten, wurden eine Viertelstunde lang „Tausende von Schüssen abgefeuert“. Als die Schießerei aufhörte, waren über 100 Personen verwundet, und 19 Personen lagen da. Nach vier Tagen war die Zahl der Todesopfer auf 30 angestiegen, und 10 Verletzte befanden sich immer noch in Lebensgefahr. Elf Personen waren in der Kirche selbst getötet worden. Mindestens ein Kind und eine Frau kamen um, drei Priester wurden getötet und drei weitere verletzt.
Ein Priester, der sich in die Politik einmischte, hatte diese Tragödie heraufbeschworen.