Warum die Bibel den Hasen als Wiederkäuer einstuft
WAS versteht man unter Wiederkäuen? Das Wiederkäuen ist eines der interessanten Wunder der Schöpfung. Die Mehrzahl der Wiederkäuer hat drei oder vier Abteilungen in ihrem Magen, und die Tiere lassen die Nahrung im allgemeinen auf die gleiche Weise kreisen. Der Großteil der aufgenommenen Nahrung wandert nur teilweise zerkaut in die erste Aussackung, von dort in die zweite, wo die Nahrung weich gemacht und zu Klümpchen geformt wird. Wenn das Tier nicht mehr grast, sondern ruht, werden die Klümpchen durch Muskelkontraktionen ins Maul zurückbefördert, wo sie wiedergekäut und nochmals mit Speichel vermischt werden. Wird die Nahrung das zweite Mal hinuntergeschluckt, wandert sie durch die erste und zweite Abteilung hindurch in die dritte und dann schließlich in die vierte, wo die Verdauung abgeschlossen wird. Wie verhält es sich beim Hasen?
Schon häufig haben Bibelkritiker die Aussage der Bibel in Zweifel gezogen, der Hase sei ein Wiederkäuer (3. Mose 11:4, 6; 5. Mose 14:7). Man sollte jedoch daran denken, daß man sie nicht auf der Grundlage dessen, was die moderne wissenschaftliche Klassifizierung unter Wiederkäuen versteht, beurteilen kann, da es in den Tagen Mose solch eine Klassifizierung nicht gab. Sogar im 18. Jahrhundert bemerkte der englische Dichter William Cowper, der seine Hauskaninchen genau beobachtet hatte, daß sie „den ganzen Tag über wiederkäuten“. Linné, ein bekannter Naturforscher desselben Jahrhunderts, glaubte ebenfalls, daß Kaninchen wiederkäuten. Es fiel jedoch anderen die Aufgabe zu, mehr wissenschaftliches Material zu beschaffen. 1882 fand der Franzose Morot heraus, daß Kaninchen bis zu 90 Prozent ihrer täglichen Nahrung erneut zu sich nehmen. Mit Bezug auf den Hasen sagte Ivan T. Sanderson in einer Veröffentlichung: „Eine der in unseren Augen außergewöhnlichsten Eigenarten ist ihre Methode der Verdauung. Sie beschränkt sich nicht nur auf Leporidae, sondern ist auch, wie jetzt bekannt, bei vielen Nagetieren zu finden. Wenn es statt Trockenfutter frisches Grünfutter gibt, schlingen es die Tiere gierig hinunter und scheiden es in ihrem Bau halbverdaut aus. Nach einer gewissen Zeit nehmen sie es wieder zu sich; dieser Vorgang kann mehrmals wiederholt werden. Beim Hasen hat es den Anschein, daß nur die völlig ausgewachsenen Tiere dies tun“ (Living Mammals of the World, 1955, Seite 114).
Gewisse englische Wissenschaftler dieses Jahrhunderts beobachteten gründlich und unter sorgfältiger Kontrolle die Angewohnheiten der Hasen, und ihre Ergebnisse wurden in Proceedings of the Zoological Society of London, 1940, Band 110, Seite 159 bis 163 veröffentlicht. Kurz gesagt, nimmt der Hase die Nahrung auf folgende Weise wieder zu sich: Frißt er morgens Frischfutter, wandert dieses durch den Magen in den Dünndarm; in der Cardiaregion im Magen werden jedoch etwa 40 bis 50 Gramm kleiner Kügelchen zurückgelassen, die sich dort bereits befanden, als der Hase das Frischfutter aufnahm. Vom Dünndarm gelangt das Morgenfutter in den Blinddarm und bleibt dort eine gewisse Zeit. Im Laufe des Tages wandern die Kügelchen weiter nach unten, und in den Därmen wird das in ihnen enthaltene bakterielle Protein verdaut. Erreichen sie den Dickdarm, gehen sie am Inhalt des Blinddarms vorbei und wandern im Dickdarm weiter, wo dann die überschüssige Feuchtigkeit absorbiert wird, um die gewöhnlichen trockenen Kugeln zu erzeugen, die ausgeschieden werden. Ist dieser Vorgang abgeschlossen, geht der zurückbehaltene Inhalt des Blinddarms als nächstes in den Dickdarm, doch wird die Feuchtigkeit nicht völlig absorbiert, sondern die verdaute Nahrung erreicht den Anus in einem ziemlich weichen Zustand. Sie hat die Form von Kügelchen, von denen jedes mit einer zähen Schleimschicht überzogen ist, um ein Aneinanderkleben zu verhindern. Erreichen die Kügelchen den Anus, werden sie nicht normal ausgeschieden, sondern der Hase krümmt sich, nimmt sie sofort auf und sammelt sie in der Cardiaregion, bis er erneut etwas frißt. Auf diese Weise schließt sich der besondere Kreis, und ein Großteil der Nahrung ist ein zweites Mal durch den Verdauungstrakt gegangen.
François Bourlière schreibt in seinem Werk The Natural History of Mammals (1964, Seite 41): „Die Koprophagie, bei der die Nahrung zweimal statt nur einmal durch den Darm geht, ist bei Kaninchen und Hasen eine allgemeine Erscheinung. Der nachts ausgeschiedene Kot, den Hauskaninchen am Morgen gewöhnlich wieder aufnehmen und unzerkaut verschlingen, macht ungefähr die Hälfte ihres gesamten Mageninhalts aus. Beim Wildkaninchen findet die Koprophagie täglich zweimal statt, und dasselbe wird vom europäischen Hasen berichtet.“ In dem Werk Grzimeks Tierleben (1972, Band 12, Seite 421) wird hierüber gesagt: „Diese Doppelverdauung ähnelt in gewisser Weise dem Wiederkäuen der meisten Paarhuferfamilien.“
Dr. Waldo L. Schmitt von der Zoologischen Abteilung der Smithsonian Institution, Washington (D. C.), kommentierte diese Erkenntnisse wie folgt: „Es liegt offenbar kein Grund vor, an der Echtheit der Berichte der verschiedenen Mitarbeiter zu zweifeln, wonach Kaninchen die Gewohnheit haben, halbverdaute Nahrung im Blinddarm zu speichern und diese später wieder zu sich zu nehmen, worauf sie ein zweites Mal den Verdauungskanal durchwandert.“ Er sagte, dies sei eine Erklärung für „den im Vergleich zu anderen Säugetieren unglaublich großen Blinddarm der Hasen“.