Lebst du mit deinem Nächsten in Frieden?
LIEBE deinen Nächsten. So hat man uns gelehrt. Das ist nicht immer leicht. Nur Frieden zu halten ist schon schwer. Rockmusik aus der Wohnung des Nachbarn bringt deine Wände zum Vibrieren. Seine Kinder spielen tollend und kreischend im Flur. Draußen auf dem Gehsteig wirst du überfallen. Auf der Straße schneiden dich die Autofahrer — drück auf die Hupe, und du wirst erschossen! Maßlos übertrieben? Mancherorts unvorstellbar, aber nicht so in Großstädten. Kleinstädte und Dörfer haben ihr eigenes Problempaket, das die Nächstenliebe erschwert.
Unsere heutige hochtechnisierte Welt ist zum großen Teil für den Streß verantwortlich. Tausende leben eingepfercht in den Wohnsilos der Großstädte. Pendler kochen vor Wut, wenn sie zur Stoßzeit im Schrittempo vorwärts kriechen. Dorfbewohner stürzen schreiend aus dem Haus, weil die Hühner des Nachbarn ihren Garten ruinieren. Landwirte werden zugrunde gerichtet, weil das immunisierte Ungeziefer ihre Ernte zerstört. Und überall speien Fabriken Schadstoffe aus. Die Luft wird braun, saurer Regen geht nieder, in den Seen sterben die Fische, und Giftmülldeponien verunreinigen sogar das Grundwasser. Immer mehr Krankheiten, großes Sterben.
Dies und vieles mehr führt bei Millionen zu Streß. Die Menschen sind geladen — ein Funke genügt, und sie explodieren. Und das geschieht oft. Viele wollen der Wirklichkeit entfliehen, indem sie sich ganz ihren selbstsüchtigen Neigungen und Wünschen hingeben. Besitz anhäufen, die Sorgen im Alkohol ertränken, Drogentrips einwerfen, ein lasterhaftes Leben führen — alles nur, um sich in das Schneckenhaus des Ichkults zurückzuziehen. Selbstliebe verdrängt die Nächstenliebe, wenn das Fleisch übersättigt ist und der Geist verhungert.
Und in den ärmeren Ländern verhungern Fleisch und Geist. Politische Unruhen zehren am Volk, Seuchen fordern Todesopfer, Hunger greift um sich, Hoffnung stirbt, und Verzweiflung regiert.
Nein, in der heutigen Welt ist es nicht immer leicht, seinen Nächsten zu lieben. Doch es gibt noch Nächstenliebe, und tatsächlich leben viele mit ihrem Nächsten in Frieden.