Eine kleine Baukünstlerin
DIE bescheidene Falltürspinne zählt zu den besten Bautechnikern, Architekten, Erfindern und Handwerkern der Erde. Sie ist in den warmen Gebieten der Welt heimisch und bildet wegen ihrer Kunstfertigkeit, mit der sie Erdröhren baut, eine Klasse für sich. Ja, „sie“, das Spinnenweibchen, bewältigt diese Arbeit allein, während das Männchen ein Vagabundenleben führt und sich mit irgendeinem Schlupfwinkel zufriedengibt. Sogar beim Liebeswerben muß es sich vor dem Weibchen in acht nehmen, denn dieses ist durchaus imstande, das Männchen anzugreifen und aufzufressen.
Der Schutz vor Feinden ist eines der größten Probleme der Spinne. So berichtet ein Forscher: „Die verschiedenen Spinnen haben viele Feinde, die ihnen an Kraft oder Wendigkeit oder an beidem weit überlegen sind: geflügelte Feinde, die rasch fliegen können. ... mit Stacheln bewehrte Feinde, deren Gift so tödlich ist wie Kurare, das südamerikanische Pfeilgift, die ihnen auflauern und sie erbarmungslos und mit Blitzesschnelle angreifen; Feinde, die einen undurchdringlichen Panzer tragen, gegen den die Waffen der Spinne nichts auszurichten vermögen, während der Leib der Spinne weich und leicht verletzbar ist.“ Hast du Angst vor Spinnen? Diese Tiere haben sicherlich mehr Grund, sich zu fürchten.
Wie erwähnt, baut das Falltürspinnenweibchen die Wohnung für sich und seine Jungen allein. Die „Falltür“ verrät meisterhaftes handwerkliches Können. Die aus Spinnenseide verfertigten Türen sind schwer zu entdecken, selbst wenn ein Platz dicht besiedelt ist. Wie tarnt die Spinne die Tür, die etwa die Größe einer Münze hat?
Ihre Wohnung ist eine tiefe Röhre, die sie in die Erde gräbt und die sie von oben bis unten mit reiner Seide auskleidet. Die Tür dreht sich um ein aus Seide gewebtes Scharnier. Getarnt wird sie wie folgt: Die Spinne pflanzt entweder Moos darauf an, frisches Moos, das sie aus der unmittelbaren Umgebung heranschleppt, oder sie arbeitet dürres Laub, Holzstückchen oder kleine Grashalme in die Tür ein. Die Falltür wird, lange bevor die Wohnröhre fertiggestellt ist, „gezimmert“, denn die Spinne benötigt Schutz, während sie ihre Wohnung fertig ausbaut.
Wie stark ist diese äußerst wichtige kleine Tür? Es gibt zwei Arten: die Deckeltür und die Korkentür. Die Korkentür (diesen Namen hat sie wegen ihrer Form) ist die stärkere. Als man einmal versuchte, eine solche Tür mit der Klinge eines Taschenmessers zu öffnen, verbog sich dabei die Klinge. Wenn sich Feinde an der Tür zu schaffen machen, rennt die Spinne zur Tür und klammert sich von innen mit den Fängen daran, während sie die Klauen tief in die seidene Auskleidung der Röhre gräbt. So wirkt der Leib wie ein lebender Riegel, der die Tür vor Eindringlingen verschlossen hält.
Außer den größeren Feinden, z. B. den Hundertfüßern, gibt es noch andere Gefahren. Die Jungen müssen auch vor Regen und mikroskopisch kleinen Parasiten geschützt werden. Die Falltür paßt haargenau in die Höhle, so daß Feuchtigkeit und Läuse nicht eindringen können. Deshalb kann sich das Spinnenweibchen verhältnismäßig ungestört der Aufzucht von rund 40 langbeinigen Kindern widmen. Die in den Boden gegrabene Wohnröhre ist die reinste „Luxuswohnung“.
Betrachten wir einmal, wie die kleine Spinne ihre Wohnröhre baut. Innerhalb von acht Stunden hat sie das Neunfache ihrer Körperlänge ausgegraben. Wollte ein Mensch die gleiche Leistung vollbringen, so müßte er mit den Zähnen ein 15 Meter tiefes Loch in den Erdboden graben und die Wände gleichzeitig versteifen. Außerdem müßte er bei der Arbeit, die er in acht Stunden zu bewältigen hätte, noch damit rechnen, von Feinden angegriffen zu werden. Während das Falltürspinnenweibchen arbeitet, lauert ihm der „Spinnentöter“ eine spinnenjagende Wegwespe, auf. Dieses Insekt hofft, die geschäftige Spinne überrumpeln und zu Tode stechen zu können. Darauf würde die Wespe ihr die Beine absägen und sie davonschleppen.
Man beachte nun, wie die Spinne arbeitet. Sie benutzt Mandibeln und Klauen, um Krümelchen um Krümelchen des losgegrabenen Bodens wegzutragen und außerhalb der Röhre aufzuschichten. Die seidene Auskleidung der Röhre hat nicht nur den Zweck, die Wohnung bequem zu machen und die Wände zu versteifen, sondern die Seide bietet dem mit Hausgeschäften und Aufzucht der Jungen beschäftigten Spinnenweibchen einen besseren Halt als die Erde.
Die Grabemaschinen des Menschen sind im Vergleich zu der Spinne plumpe Ungetüme. Wenn die Spinne gräbt, entsteht im Gegensatz zu den Baggern des Menschen nicht der geringste Lärm. Die Falltürspinne hat keine technische Schule besucht und kein Diplom erworben. Der erhabene Bildner der belebten und unbelebten Schöpfung hat ihr die instinktive Fähigkeit verliehen, mit ihrer Umgebung fertig zu werden.